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Einsam im Wald

Einsam im Wald

Süddeutsche Zeitung REPORT, Samstag, 16. Juli 2011, Bayern, Deutschland, München Seite 38

Sie kamen zu Hunderten aus Vietnam und anderen Ländern, um der Armut zu entfliehen, und fanden Arbeit in tschechischen Staatsforsten. Auf Lohn aber warten die Migranten seit Jahren. Internationale Organisationen sprechen von einem schweren Fall von Menschenhandel. Die Prager Behörden reagieren nur langsam

Von Klaus Brill

Man versorgte sie mit Reis und Instant-Nudeln. Später aßen sie wilde Pflanzen.

Prelouc – Heute weiß er, wie naives damals war, den Herren zu vertrauen und zu glauben, sie wollten wirklich eines Tages diese Listen sehen. Vu Ba Son holt sein rotes Heft hervor und blättert es auf. Fein säuberlich hat der 32-jährige Vietnamese darin Linien gezogen und Kästchen gemalt, hat Namen hineingeschrieben, Zeiten notiert. Seine Buchführung über die geleisteten Arbeitsstunden ist einwandfrei, nur war sie vollkommen nutzlos. Die Herren, die ihn damals zum Vorarbeiter einer Gruppe vietnamesischer Waldarbeiter machten, hatten offenkundig niemals vor, diese 18 Frauen und Männer dafür zu entlohnen, dass sie mehr als drei Monate lang im Wald bei Mohelnice in Mähren Bäume pflanzten. Nicht für irgendwen, sondern für den Staatsforst der Tschechischen Republik.

Ein vager Schmerz liegt auf der Miene von Vu Ba Son. Er zeigt das Heft zwei vietnamesischen Arbeitskollegen, die jetzt wie er in einer Fabrik im ostböhmischen Städtchen Prelouc bei Pardubice Autoschlösser fertigen. Neben ihnen sitzt er am freien Sonntag auf dem großen Doppelbett, das für den 38-jährigen Le Van Thuyen und seine gleichaltrige Kollegin Bui Thi Anh seit ein paar Monaten ihre ganze Bleibe ist. Es füllt die hinterste Ecke eines lang gestreckten Raumes in einem Arbeiterwohnheim, in dem zahlreiche Vietnamesen untergebracht sind. Ein Blechspind trennt das beengte Geviert wie ein Coupé vom nächsten Schlafund Wohnplatz ab, dem ein Vorhang ein Minimum an Privatheit sichert. Neben dem Bett hat nur ein Tischchen Platz, auf dem wie ein Fanal gegen die Tristesse ein Sträußchen frischer Blumen und ein Körbchen mit Obst stehen. Familienfotos kleben am Spind. Le Van Thuyen hat hellgrünen Tee aufgebrüht und gibt Gläser aus. Vom Gang her weht aus der Gemeinschaftsküche der Duft asiatischer Köstlichkeiten herein.

Die hier wohnen, sind keine Kinder des Glücks, sondern Menschen, die die Armut um den halben Erdball getrieben hat. Viele haben, wie die drei auf dem Doppelbett, bis vor ein paar Jahren in ih- ren Dörfern in Vietnam auf den Reisfel- dern gearbeitet und sind dann nach Euro- pa aufgebrochen. „Um eine andere Zu- kunft zu haben“, wie die Arbeiterin Bui Thi Anh sagt. Das Zielland Tschechien wurde ihnen in goldenen Farben geschil- dert, zumal dort seit den Zeiten des Kom- munismus viele Vietnamesen leben, der- zeit mehr als 40 000. Abhängig von Ver- mittlern, gerieten die Migranten nicht im- mer an seriöse Arbeitgeber. Manche wur- den Opfer von Ausbeutern, die ihre Ar- beitskräfte nicht bezahlen.

Eine neue Form der Sklaverei macht sich breit, und in Tschechien haben jetzt Menschenrechts-Aktivisten und Anwälte zusammen mit betroffenen Migranten den weltweit bisher größten bekannten Fall dieser Art aufgedeckt. Schätzungsweise 1500 bis 2000 Frauen und Männer aus Vietnam, der Slowakei, der Ukraine, der Mongolei, Rumänien und Bulgarien wurden den Recherchen zufolge in den vergangenen zwei Jahren im tschechischen Staatsforst eingesetzt, um Bäume zu pflanzen und andere Waldarbeiten zu verrichten. Doch für die monatelange harte Arbeit, oft im Regen und in klirrender Kälte, haben sie bis heute keinen Lohn erhalten. Nach einer kärglichen Einstandszahlung wurden sie immer wieder vertröstet, bis sie entnervt die Arbeit aufgaben. Alle Beschwerden, auch Anzeigen bei der Polizei, waren lange vergebens. Erst jetzt beginnen die tschechische Behörden, gegen die skandalösen Missstände einzuschreiten.

Die Migranten wurden von Subunternehmen angeheuert, entschuldigt man sich jetzt bei den Staatsforsten. Foto: PA/Keystone/Gaetan Bally
Die Migranten wurden von Subunternehmen angeheuert, entschuldigt man sich jetzt bei den Staatsforsten.
Foto: PA/Keystone/Gaetan Bally

Lesy CR, der tschechische Staatsforst, weist die Vorwürfe zurück. Die betrogenen Frauen und Männer seien zwar in den staatlichen Wäldern tätig gewesen, angestellt hätten sie aber andere Firmen, die alleine für die Arbeitsbedingungen verantwortlich seien, heißt es. Die Betrüger aber operierten – zumindest bisher – in einem System von Subunternehmen, das ihnen die Verdunkelung ermöglichte. Auftragnehmer des Staatsforstes für die fraglichen Waldarbeiten war unter anderen die Gesellschaft Less & Forest, sie ließ ihrerseits Arbeiten von Firmen namens Affumicata oder Wood Servis Praha und PBM Union Jobs ausführen.

Der Vietnamese Vu Ba Son zum Beispiel hat sein rotes Heft für die Firma Affumicata angelegt und meinte erst, er habe einen besonders guten Job erwischt. „Am Anfang waren wir sehr motiviert“, sagt er. Bei Mohelnice in Mähren und bei Decin in Nordböhmen säuberte er mit seinen Kollegen im Frühjahr 2009 den Wald für die geplante Aufforstung, er trotzte der Kälte, und er nahm die unbequeme Unterbringung in einem abgelegenen Camp im Wald hin. Der vietnamesische Fahrer, der für die Gruppe der einzige Kontakt zur Außenwelt war, brachte zur Verpflegung am Anfang Reis und Instant-Nudeln vorbei. Für die ersten zwei Wochen gab es 3000 tschechischen Kronen (120 Euro), die restlichen drei Monate arbeitete Vu Ba Son umsonst. Der Kontaktmann versicherte, die Auszahlung werde sich nur ein bisschen verzögern, „aber ihr werdet das Geld bekommen“. Der Lohn kam nie.

Den Kollegen Le Van Thuyen und Bui Thi Anh erging es ähnlich. Sie ließen sich bei einer Rekrutierungsveranstaltung im Prager Vietnamesenviertel ebenfalls von der Firma Affumicata anheuern, deren Vertreter Monatseinkommen von 600 oder mehr Euro versprachen, und sie pflanzten Bäumlinge im Wald bei Tisice in Mittelböhmen. „Am Anfang konnten wir nicht ahnen, dass wir betrogen werden“, sagt Bui Thi Anh. Nach der ersten Woche aber erhielten sie keinen Lohn mehr.

Es folgte der Teufelskreis der Zweifel, der Vertröstungen und der Hoffnung, doch noch einen Lohn ausgezahlt zu bekommen. Irgendwann fuhren mehrere Vietnamesen aber dann doch nach Prag zum Büro von Affumicata, um sich zu beschweren. „Wir wurden rausgeworfen“, berichtet Bui Thi Anh. Anderntags kamen sie zurück und wurden wieder abgewiesen, auch von der Polizei. „Wir haben Bäume für die Tschechen gepflanzt, aber die Tschechen kümmern sich nicht darum, dass wir betrogen werden“, sagt ihr Kollege Le Van Thuyen.

Tatsächlich hat die Polizei auf die vielen Strafanzeigen, die die jungen Prager Anwälte Matous Jira und Stepanka Mikova bereits vor einem Jahr erstattet haben, kaum reagiert. Bisher wurden nur einige der betrogenen Arbeiter befragt. Auch die Staatsanwaltschaft ließ sich Zeit, Ermittlungsergebnisse liegen noch nicht vor. „Nichts ist gemacht worden, absolut gar nichts“, sagt Jira. Zusammen mit seiner Kollegin vertritt er mittlerweile mehr als 100 Opfer.

Nach den Ermittlungen der beiden Anwälte sowie der Prager Bürgerinitiative für die Rechte von Arbeitsmigranten und der tschechischen Sektion des internationalen Netzwerks La Strada mussten viele der Waldarbeiter hungern. Manche sahen sich gezwungen, Essbares zu stehlen, manche aßen Blumen oder wilde Pflanzen. Hier und da wurden Betroffene auch unter Druck gesetzt. Man drohte ihnen mit Deportation oder auch mit physischer Gewalt. Zudem wurden sie Opfer einer Täuschung: Vielen Vietnamesen hatte man Verträge in tschechischer Sprache vorgelegt, die eine Ausbildung statt einer normalen Arbeitsleistung vorsahen. Sie haben die Verträge unterschrieben.

Gegen diese Missstände mobilisierten die Helfer der Ausgebeuteten die Öffentlichkeit. Do Duy Hoang, der Pressesprecher der Bürgerinitiative für die Rechte von Arbeitsmigranten, kontaktierte Journalisten. Ende März fand vor den Ministerien für Landwirtschaft und Inneres eine Protestaktion statt; die Medien berichteten kurz. Die beiden Anwälte reisten nach Istanbul zu einer Konferenz von Experten des Europarates sowie der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die den Fall in Tschechien als einen der gravierendsten Fälle von Menschenhandel bewerteten.

Menschenhandel – das tangierte bisher vor allem Frauen aus Osteuropa oder Afrika und Lateinamerika, die mit falschen Versprechungen nach Mittelund Westeuropa gelockt und zur Prostitution gezwungen wurden. Arbeitsbedingungen an der Grenze zur Sklaverei fand die Organisation La Strada, die sich in diesen Fragen engagiert, auch bei den Beschäftigten thailändischer Massagesalons in Prag. Doch niemand weiß genau, welche Dimensionen der kommerzielle Verschub von Männern und Frauen als unfreiwillige Arbeitssklaven inzwischen hat. „Viele dieser Leute bitten nicht um Hilfe und gehen auch nicht zur Polizei, weil sie Angst haben“, sagt Petra Kutalkova, die stellvertretende Leiterin von La Strada in Prag.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) in Genf kam schon 2008 zu dem Schluss, Menschenhandel, als eine Art von Zwangsarbeit verstanden, sei „ein wahrhaft globales Unternehmen“ geworden. Rund 2,4 Millionen Menschen seien weltweit davon betroffen. Für die SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de Verbrecher, die diesen Sektor als Geschäftsfeld entdeckt haben, seien die Risiken gering und die Einkünfte hoch, heißt es in einer ILO-Erklärung. Ihr Profit wird auf 32 Milliarden US-Dollar im Jahr geschätzt.

Auch im tschechischen Fall haben die Akteure von Affumicata, zu denen ein früherer Kriminalpolizist gehören soll, offenbar kräftig kassiert. Wer 200 Arbeitern in einem Monat je 500 Euro vorenthält, hat 100 000 Euro verdient. Auch die übrigen Kosten hielt die Firma niedrig. Rechnungen für Unterkünfte, die bei Hoteliers für die Arbeiter gemietet wurden, sind noch immer offen. „Die bezahlen niemanden“, sagt der Sprecher der Bürgerinitiative, Do Duy Hoang, ein Student der Volkswirtschaft, der seit 20 Jahren in Tschechien lebt.

„Es gab viele Vermittler, und jeder hat etwas genommen.“

Er schreibt über den Fall eine Studie, und er war erst jüngst in Vietnam. Dort fand er Berichte bestätigt, wonach die Hintermänner von Affumicata schon 2008 einen vietnamesischen Geschäftspartner, der ihnen Arbeitskräfte für Tschechien vermittelte, um mehr als eine Million Dollar betrogen hatten. Inzwischen sind auch die tschechischen Arbeitsämter den Betrügern auf der Spur. Nach Angaben des Arbeitsministeriums in Prag wurden gegen Affumicata jüngst drei Geldbußen von insgesamt 55 000 Euro verhängt, allerdings nicht wegen des Betrugs an den Waldarbeitern, sondern weil die Firma solche Arbeiter teilweise illegal beschäftigt habe. Die Lizenz zur Jobvermittlung wurde dem Unternehmen entzogen – ebenso wie mehreren anderen Firmen. Und erst in dieser Woche erklärte Landwirtschaftsminister Ivan Fuksa, man werde künftig kontrollieren, welche Subunternehmer im Staatsforst tätig würden und wie sie ihre Billigangebote kalkulierten.

Do Duy Hoang, der Sprecher der Initiative, bleibt skeptisch. Den Arbeitern im Wohnheim in Prelouc hat der 26-Jährige an diesem Sonntag vietnamesische Zeitungen mitgebracht, er übersetzt ihre Aussagen, und er informiert sie über die weiteren Nachforschungen. Le Van Thuyen gießt Tee nach, seine Kollegin Bui Thi Anh wirft einen Blick auf die Zeitungen und sinniert dann wieder über ihr Schicksal. „Ich bin hierher gekommen, weil ich geglaubt habe, ich kann hier mehr Geld verdienen“, sagt die 38-jährige Frau mit bitterem Unterton.

Sie hat sich dafür notgedrungen in die Hand der Vermittler begeben, die die Arbeitserlaubnis, das Visum und all die anderen Papiere besorgten, die von den tschechischen Behörden verlangt werden. „Es gab viele Mittelsmänner, und jeder hat etwas genommen“, sagt Bui Thi Anh. Im ganzen waren es rund 8000 Euro, die sie aufwenden musste. Die Kollegen, die neben ihr auf dem Bett sitzen, haben ähnlich hohe Summen gezahlt. Um sie aufzubringen, nahmen sie Hypotheken aufs Haus und Kredite bei Verwandten auf. Und scheiterten dann so grausam in Tschechiens Wäldern beim Versuch, das Geld zu verdienen, um diese Schulden abzuzahlen. „Wenn wir diese 8000 Euro in Vietnam investiert hätten, hätten wir das Geld schon mehrfach herausbekommen“, sagt Bui Thi Anh.

Inzwischen, da sie andere Arbeit gefunden hat, wird die Lage für sie allmählich besser, und die Erinnerung an die Arbeit im Wald verliert an schmerzhafter Schärfe. „Mir ist das Geld inzwischen egal“, sagt die Frau. „Aber diese Leute, die so viele Menschen betrügen, die müssen vor Gericht gestellt werden.“

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